Wir trauern um unseren Obmann

Dr. Peter Koppe

Verein Servitengasse 1938

 

 

 

 

Trauerrede, gehalten von Dr. Alix Paulus bei der Verabschiedung am 3. Juli 2020

 

Liebe Barbara, lieber Fabio, lieber Livio, liebe Trauergäste!

Peter Koppe war der Obmann unseres Vereins "Servitengasse1938". Dieses BürgerInnenprojekt besteht seit dem Jahr 2004, also bereits 16 Jahre lang. Es hat sich um die Nachforschung der Schicksale der aus der Servitengasse vertriebenen Jüdinnen und Juden bemüht. Und über die vielen Jahre sind zwei Gedenksymbole im öffentlichen Raum, ein Buch, ein Film, Ausstellungen, Volkshochschul-Kurse, regelmäßige Gedenkfeiern und etliches mehr entstanden. Alles das mit dem Ziel, die damaligen Geschehnisse, die Vertreibung und die Ermordung aller 462 davon betroffenen Personen aus der Servitengasse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Peter hat dieses Projekt mitinitiiert, es über die gesamte Zeit begleitet und tatkräftig weitergetrieben. Er hat unsere Gruppe geleitet in einer Weise, die mir sehr imponiert hat. Ideen, die mir zu kühn erschienen, hat er mit Hartnäckigkeit verfolgt, bis sie realisiert waren. Bemüht hat er sich auch darum, das Projekt auf eine wissenschaftlich haltbare Basis zu stellen und die dafür notwendige Finanzierung aufzustellen. Peter war immer derjenige, der mit Geduld und Zielstrebigkeit die notwendigen Gespräche mit den Magistratsbeamten geführt hat, bis unser Gedenksymbol genehmigt war und ich kann Ihnen versichern, dass beides, Geduld und Zielstrebigkeit dabei unerlässlich waren. Auch hat er monatelang nach einem Ausstellungslokal in unserer Nähe gesucht und trotz einiger Niederlagen und viel Einsatz von Zeit so lange weiter gesucht bis er eines gefunden hat. Wenn es für eine Teilaufgabe in unserer Gruppe keine Person gab, die sich freiwillig dafür gemeldet hat, dann hat er die Aufgabe übernommen. Nichts war ihm zu mühsam: so hat er jahrelang auch das Reinigen und Instandhalten unseres Gedenksymbols völlig klaglos übernommen und nebenbei Passanten über das Projekt informiert. Er hat genauso Verkehrsschilder besorgt und transportiert, Bänke für Veranstaltungen aufgetrieben und selbst aufgestellt, die Treffen einberufen, die Protokolle verschickt und die Vereinshomepage betreut.

Peter hat es immer verstanden, uns zu motivieren, weiterzumachen, wenn uns manchmal für die Anliegen des Projekts die Luft ausging. Er selbst schien unermüdlich zu sein. Dabei war er immer guter Dinge, ohne dass das gekünstelt gewirkt hätte, im Gegenteil, er war ein sehr aufrechter, integrer Mensch und dazu warmherzig und empathisch. Er war positiv, humorvoll und ausgleichend. Er konnte improvisieren wie kaum ein anderer, immer mit der Richtschnur: das muss doch möglich sein, es muss einen Weg geben. Immer auch mit persönlichem Einsatz, oft bis spät in die Nacht. So wie Barbara Kintaert es auf der Parte ausdrückte: seine Kerze hatte zwei Dochte.

Privat habe ich Peter als hervorragenden Gastgeber kennen gelernt. Er hat gerne gefeiert, in der Wohnung in der Servitengasse und im Garten der Familie in der Nähe der Alten Donau. Bei den Festen kredenzte er gefühlt 50 verschiedene Gerichte, alle selbst hergestellt und mit kleinen Schildchen gekennzeichnet. Die Rezepte waren aus aller Herren Länder und schmeckten vorzüglich. Peter hat auch für das leibliche Wohl seiner Familie gesorgt. Ich sehe ihn vor mir, gekleidet in seiner Djellaba, die er am liebsten privat trug, Gemüse schneidend und in mehreren Kochtöpfen rührend.

Peter war ebenfalls ein engagierter und enthusiastischer Umweltschützer, ein Verteidiger von Minderheitenrechten und demokratischen Gesellschaftsverhältnissen. Auch hierbei war sein Einsatz leidenschaftlich, begeistert, dynamisch sowie unternehmerisch geschickt. Konsequenterweise erledigte er seine Wege mit dem Fahrrad, im Winter genauso wie im Sommer. Für Ferienreisen, meist in das von der Familie sehr geliebte Italien, hatte er sich einen zum Wohnmobil selbst ausgebauten roten Mercedes-Bus angeschafft. Dieses Fahrzeug, das sicher inzwischen zig Jahre auf dem Buckel hat, schien mit ihm irgendwie verbunden zu sein. Dieser Bus hat einen eigenen Charakter, fast etwas wie eine Persönlichkeit.

Lieber Peter, in der Projektgruppe werden wir dich ganz besonders schmerzlich vermissen. Du warst, gemeinsam mit deiner Frau Barbara die Seele unseres Vereins. Wer weiß, ob es ohne dich die regelmäßigen Treffen im Leo gegeben hätte und ob der Verein in den letzten Jahren noch in dieser Weise existiert hätte. Sei versichert, dass wir uns bemühen werden, in deinem Sinn weiter zu machen.

Lieber Peter, mir persönlich hast du gezeigt, wie man Vorhaben, die wichtig sind, einfach anpackt indem man überlegt, wie am besten Ideen realisiert und nicht bei der ersten Schwierigkeit auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden sollten. Das bleibt mir von dir, ich danke dir dafür.

Lieber Peter, Du hast uns einfach viel zu früh und viel zu schnell verlassen.

 

Dear Barbara, dear Fabio, dear Livio, dear fellow mourners

Peter Koppe was the chairperson of our association “Servitengasse 1938”. This citizens’ initiative has been going since 2004, so for 16 years now. Its aim was to research the fates of Jewish residents driven out of the Servitengasse. And over the years, two memorials in public space, a book, a film, exhibitions, adult education courses, regular memorial events and much more has come out of it. Behind all this was the aim not to let what happened back then, not to let all 462 people from Servitengasse affected by forced emigration and murder, be forgotten.

Peter was one of the initiators of this project, he accompanied it throughout and drove it forward with great energy. He led our group in a way that impressed me greatly. Ideas which, to me, seemed too bold he pursued with tenacity until they became reality. He also strived to place the project on a solid academic footing, securing the necessary finances for this. It was always Peter who, with patience and determination, had the necessary discussions with local authorities until the memorial was approved; I can assure you that both these things, patience and determination, were indispensible here. He also spent months searching for an exhibition venue in the neighbourhood and despite some setbacks, despite the time this took up, he kept on searching until he found one. When a task needed doing and no one in the group volunteered, then he took on that task. Nothing was too arduous for him and for years he also cleaned and maintained our memorial without complaint, sharing information about the project with passers-by. Similarly he obtained and transported road signs, sourced and put up benches for events, scheduled meetings, sent round minutes and looked after the website.

Peter always understood how to motivate us to carry on if, at times, we ran out of steam pursuing the project’s objectives. He himself appeared tireless. He was always in good spirits, without this appearing artificial; quite the opposite, he was an incredibly upstanding person with great integrity as well as warmth and empathy. He was positive, humorous and fair. He could improvise better than anyone, always following the principle: surely it must be possible, there must be a way. And always with personal commitment, often late into the night. As Barbara Kintaert put it on his death notice: his candle burned at both ends.

Privately I came to know Peter as a wonderful host. He liked to celebrate, in the apartment in Servitengasse and at the family’s garden near to the Alte Donau. At parties he would serve up what felt like 50 different dishes, all made himself and labelled with little signs. The recipes came from all corners of the globe and tasted delicious. Peter also cooked for his family. I can picture him now, wearing his djellaba, his favourite thing to wear at home, chopping vegetables and stirring several pots at once.

Peter was also an active and enthusiastic environmentalist, a defender of minority rights and of a democratic society. Here too his involvement was marked by his passion, enthusiasm, dynamism and management skills. Consequently he travelled around by bike, in summer and winter. For holidays, usually to Italy, a destination much loved by the family, he had a red Mercedes bus that he had converted into a camper van. This vehicle, which had umpteen years on the clock, seemed somehow attached to him. This bus has its own character, almost a personality you might say.

Dear Peter, we will miss you most dreadfully in the project group. You, together with your wife Barbara, were the soul of the group. Who knows whether the regular meetings in Leo would have taken place without you, or whether the association would have continued as such in recent years. Rest assured that we will endeavour to carry as you would have done.

Dear Peter, personally you showed me how to tackle important undertakings by thinking how an idea might best be realised, rather than putting it off indefinitely at the first hurdle. This has stayed with me, and I thank you for it.

Dear Peter, you left us simply far too soon and far too fast.

 

 

 

 

Servitengasse 1938. Spurensuche in der Nachbarschaft

Der 9. Bezirk Alsergrund war nach dem 2. Bezirk jener Bezirk mit dem höchsten Anteil jüdischer Bewohner und Bewohnerinnen in Wien. Dennoch gibt es heute relativ wenige Plätze, an denen dieser Menschen erinnert wird. Das Projekt Servitengasse 1938 ist eine vom Bezirk Alsergrund unterstützte Initiative von Bürgerinnen und Bürgern die aktiv Erinnerungsarbeit leisten wollen.

Ziel des Projektes ist es, im Dialog mit den BewohnerInnen eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in Gang zu bringen. Hierfür wurden in einem Forschungsprojekt die Schicksale der vertriebenen und ermordeten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern einer ganzen Gasse - der Servitengasse - erforscht.

Wie die Recherchen zeigten, waren mehr als die Hälfte der BewohnerInnen zum Zeitpunkt März 1938 jüdischer Herkunft. Doch wer waren diese Menschen? Wo haben sie gearbeitet? Hatten sie Kinder? Ist ihnen die Flucht vor dem NS-Terror geglückt oder wurden sie im KZ ermordet? Gibt es Überlebende oder Nachkommen? Diese Fragen bewegen die Gruppe.

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der Kontakt zu Überlebenden stehen ebenso wie der Dialog mit den BewohnerInnen des Grätzls im Vordergrund der Aktivitäten. Eine Buch über die Forschungsergebnisse, ein Film über das Projekt, das Gedenksymbol in der Mitte der Servitengasse und mehrere Veranstaltungen sind Ausdruck dieses Bemühens.
Um andere ähnliche Projekte anzustoßen, kooperiert die Gruppe mit Schulen, steht im Austausch mit anderen Gruppen und vermittelt das Wissen auch an Volkshochschulen. In regelmäßigen Gruppentreffen werden die Schritte koordiniert und aktuelle Themen und Vorhaben diskutiert. Auch die Suche nach Überlebenden aus der Servitengasse wird fortgesetzt.